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Ich denke schon, dass das was wir machen eine Art von Aufstehen ist (…) das gehört ja auch dazu: zu erkennen was jetzt passiert und wir versuchen auch irgendwie, ein Zeichen dagegen zu setzen.“ „Das ist für uns ein Schritt: erstmal uns mit der Vergangenheit zu beschäftigen und vielleicht dann, dass wir das, was wir gelernt haben, auf‘s Jetzt übertragen.“ (Josepha, 9. Klasse, Teilnehmerin des Projekts „If you don’t know“ 2019)

DOK.education präsentierte in Zusammenarbeit mit Spielen in der Stadt e.V. und dem NS-Dokumentationszentrum den Fachtag LEBENDIG ERINNERN für Lehrkräfte und medien-, tanz- und theaterpädagogisch interessiertes Fachpersonal, um anhand eines erfolgreich durchgeführten Projekts zu erfahren, wie mit künstlerischen Mitteln neue Erinnerungszugänge geschaffen werden können.

Sich an die Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern, ist heute – angesichts zunehmender rechtsradikaler und antisemitischer Tendenzen in unserer Gesellschaft – wichtiger denn je. Doch auf welche Weise kann das geschehen, damit die Geschichte für Jugendliche tatsächlich eine Bedeutung für ihr Leben im Hier und Heute bekommt? Welche besondere Form der Zusammenarbeit mit Schulen ist für eine andere Art des Erinnerns nötig?

Spielen in der Stadt e.V. und das NS-Dokumentationszentrum München arbeiten seit fünf Jahren in verschiedenen Projekten an einer lebendigen Erinnerungskultur. Für das Projekt „stranger than“ mit einer achten Ganztagsklasse der Mittelschule an der Guardinistraße wurden die Projektpartner 2017 mit dem Mixed Up Preis für kulturelle Bildungslandschaften der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ausgezeichnet. 2018 erhielten sie den BKM Preis Kulturelle Bildung des Bundesministeriums für Kultur und Medien in Berlin.

Im letzten gemeinsamen Projekt erarbeiteten neun Jugendliche aus zwei Münchner Schulen eine Tanz-Theater-Performance zur Frage: „Wie behalten wir unsere Menschlichkeit? Wann und warum geben wir sie auf?“ – in der NS-Zeit und heute. Das Ensemble wurde 2019 zum Festival Rampenlichter als „artists in residence“ eingeladen und präsentierte die Uraufführung des Stückes „If you don’t know“ im Theater schwere reiter München.

Der projektbegleitende Dokumentarfilm „If you don´t know“ von Julian Monatzeder zeigt die intensive inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dieser schwerwiegenden Thematik aus der Sicht der teilnehmenden Jugendlichen und lässt den Zuschauer spüren, welche tiefgreifenden Erfahrungen die Gruppe im Laufe des Prozesses bis zur erfolgreichen Aufführung gemacht hat.

Gäste des Fachgesprächs:
Julian Monatzeder (Regisseur), Dr. Thomas Rink (NS-Dokumentationszentrum), Dorothee Janssen (Tanzpädagogin/ Choreografin, künstlerische Leitung, Spielen in der Stadt e.V.), Annette Geller (Regisseurin/ Theaterpädagogin, künstlerische Leitung), Silvia Wienefoet und Karin Jeitschko (Lehrerinnen, Städt. Willy-Brandt-Gesamtschule, Wilhelm-Hausenstein-Gymnasium), Silas Gert, Hanna Fürer, Samuel Geller (Projektteilnehmer*innen)

 

Dr. Thomas Rink begrüßte im Namen des NS-Dokumentationszentrums, Dorothee Janssen als Vertreterin von Spielen in der Stadt e.V., Maya Reichart für das Dok.Fest München und lobte zugleich die besondere Qualität des Films von Julian Monatzeder, der weit über ein Making-Of hinausginge und dem gelungen sei, die Zuschauer wie ein Spielfilm in die Geschichte und Entwicklung des Projekts und der jungen Menschen zu involvieren.

Die Besucher*innen der ausgebuchten Veranstaltung im NS-Dokumentationszentrum zeigten sich ausnahmslos berührt und beeindruckt vom Dokumentarfilm.

Im anschließenden Gespräch konnten die beiden künstlerischen Leiterinnen erklären, wie sie die heterogene Gruppe aus Schüler*innen verschiedenerer Schulen und Klassenstufen zusammenstellen, wie künstlerische Prozesse mit der Gruppe entstanden sind, welche Faktoren zum Gelingen des Projekts beigetragen haben, aber auch welche Schwierigkeiten z.B. in der Zusammenarbeit mit mehreren Schulen entstehen können.
Der Regisseur des Films wurde gefragt, wie er so schnell Teil der Gruppe werden konnte und die Schüler*innen so rasch die Scheu vor der Kamera verloren haben.
Die Jugendlichen berichteten über ihren Erfahrungen mit dem Filmteam und mit einer Arbeit auf Augenhöhe mit den Künstlerinnen. Sie erzählten von Herausforderung und hohem Anspruch, dem familiären Zusammenhalt in der Gruppe und ihrer eigenen Entwicklung während der Zeit.
Die begleitenden Lehrkräfte teilten mit dem Publikum ihre Beobachtungen zu den positiven Veränderungen der Jugendlichen, aber auch den hohen organisatorischen Aufwand und die zusätzliche Arbeitsbelastung, die für die beteiligten Lehrer*innen entstand.

Nach dem offiziellen Ende des Gesprächs gab es noch viel Diskussions- und Austauschbedarf. Viele hatten noch Fragen, die in anschließenden Gesprächen formlos besprochen werden konnten. Einige Schulen bekundeten ihr Interesse daran, beim nächsten Projekt teilzunehmen.

 

Das neue Projekt „always remember – never forget“ ist bereits angelaufen. Die Vorstellungen und Kennenlernworkshops an verschiedenen Schulen haben stattgefunden und nach den Herbstferien werden zusammen mit den Teilnehmer*innen und Ihren Schulen die Probentermine für den Zeitraum Januar bis Juli 2021 festgelegt.

Mehr Informationen zum Projekt hier.

Fotos: Kathi Seemann, DOK.education

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